Visionen braucht das Land!

Von
Dr. Constantin Groth

(c) Thomas-Dehler-Stiftung

Unser Land ist mit großen Herausforderungen konfrontiert: die Digitalisierung, der Klimawandel, der demografische Umbruch, die Bedrohung durch Russland, die Systemkonkurrenz mit China, der Wandel im transatlantischen Verhältnis. All das erfordert Resilienz. Aber resilient sind wir nur dann, wenn wir den Willen und den Mut haben, diese Herausforderungen anzunehmen, uns den neuen Gegebenheiten zu stellen und kluge und langfristige Strategien für Politik und Wirtschaft entwickeln.

Der Ökonom und ehemalige Generalsekretär des Sachverständigenrates Wirtschaft („Wirtschaftsweisen“) Dr. Jochen Andritzky hat vor kurzem in einem Interview mit der WELT gesagt: „Was früher funktioniert hat, wird uns in dieser Form nicht mehr in die Zukunft tragen. Genau deshalb brauchen wir jetzt den Willen und den Mut zur Veränderung. Entscheidend ist, dass wir dabei nicht nur reagieren, sondern mit einer eigenen Vorstellung davon, wo wir hinwollen, vorangehen.“ Auf Einladung der Friedrich-Naumann-Stiftung Bayern / Thomas-Dehler-Stiftung sowie des Liberalen Mittelstands Bayern war Jochen Andritzky in München und Lindau zu Gast, um sein neues Buch „Visionen braucht das Land“ vorzustellen und seine Ideen für eine resiliente Zukunft zu diskutieren. Mit dabei war in München der Unternehmer und ehemalige Landesvorsitzende der FDP Bayern Michael Ruoff, in Lindau Thorsten Rixmann, Global Director Marketing & Communications und Prokurist der OBRIST Group. Hier fand die Diskussion im Obrist Technologiecenter statt, ein besonderer Ort, der Unternehmer- und Gründergeist atmet, ein Ort, an dem die Erinnerung an das Wirken Felix Wankels lebendig ist und die aktuellen Projekte der OBRIST Group beeindrucken! Maximilian Schumann, Finanzökonom mit Schwerpunkt auf internationaler Geld- und Finanzpolitik, führte durch beide Veranstaltungen.

„Psychologen“, schreibt Andritzky, „sprechen von der Kraft positiver Zukunftsbilder als sozialem Treibstoff für Fortschritt.“ In seinem Buch formuliert er positive Zukunftserzählungen, Visionen für eine Wissenswirtschaft, für den Klimaschutz, für eine Innovationsnation Deutschland und für ein resilientes Deutschland. In München und Lindau erläuterte er diese Visionen anhand eindrücklicher Beispiele. So würden etwa der Red Flag Act aus dem 19. Jahrhundert, aber auch die aktuellen Fahrzeugmodelle „Ellenator“ und „Microlino“ zeigen, wie staatlich gesetzte Rahmenbedingungen Innovation ausbremsen können. Dabei wollte er Deutschland nicht schlechtreden: Wir seien innovativ, unser Land gehöre nach wie vor zur Weltspitze im Export, das Problem sei die überbordende Regulierung. „Wenn wir Innovationsnation werden wollen, brauchen wir Freiräume, müssen wir vor allem aufhören zu regulieren!“ Die Leute seien gebildet, erfinderisch, man müsse sie aber auch machen lassen. Auf dem Podium in Lindau stimmte Thorsten Rixmann voll zu: Man müsse den Leuten zuhören, dürfe nicht ideologisch, sondern müsse praxisorientiert denken. Hier könne die Politik viel von Unternehmern lernen. In München leitete Michael Ruoff die Forderung ab, dass sich seine Partei überlegen müsse, wie sie aus liberaler Perspektive den Staat deregulieren und modernisieren will. Sein Idealbild des Staates sei der griechische Athlet: Er sei muskulös, setze aber kein Fett an.

Mit Blick auf den demografischen Wandel forderte Andritzky, das Leben nicht mehr als Trilogie zu denken, sprich, das Denken in den Lebensabschnitten Ausbildung, Berufsleben, Rente zu relativieren. An die Stelle der Trilogie müsse ein Epos mit vielen Kapiteln treten: Es brauche weit größere Flexibilität, die den Menschen die Hoheit über den eigenen Lebenslauf gibt, auch neue Formen finanzieller Absicherung, die diese Flexibilität ermöglichen. Hier gehe es auch um die Frage, wie Menschen im Alter selbstbestimmt arbeiten können. Ziel sei die „Silver Economy“, also eine Wirtschaft, die das Potenzial der älteren Generationen nutzt.

Andritzkys Vision für ein resilientes Deutschland ist letzten Endes eine Vision für ein starkes Europa. In seinem Buch bekennt er sich klar zur Europäischen Union (die übrigens auch aus einer Vision entstanden ist!) und stellt klar, dass ohne sie unser Einkommen heute um fünf bis zehn Prozent niedriger wäre. Aber er betont auch: Um das Jahr 2050 könnte China die größte Volkswirtschaft der Erde sein, gefolgt von Indien, das China gegen Ende des Jahrhunderts an der Spitze ablösen könnte. Europa könne nur einen Platz am Tisch behalten, wenn es zusammenhält, nur im Verbund könne es stärker werden. Wichtig seien Erfindungsreichtum und Agilität und die Fähigkeit, sich auf eine sich verändernde Welt einzustellen. Unsere Unternehmen und Technologien müssten für den Weltmarkt relevant sein. Als Beispiel nannte Andritzky die Schwellenländer, die Wohlstand generieren wollen: Wir könnten es ihnen mit Innovationen im Klimabereich ermöglichen, diesen Wohlstand mit geringeren Belastungen für das Klima zu erwirtschaften.

Das Fazit beider Abende: Weniger über kleinteilige Maßnahmen, sondern über Ziele diskutieren. Die Zukunft mit einer langfristigen, visionsgeleiteten Politik gestalten!

Wir danken Jochen Andritzky für seine wichtigen Impulse sowie allen Mitwirkenden!