Freiheit als Aufgabe: Veranstaltungen mit Marko Martin in Bayern
(c) Thomas-Dehler-Stiftung
Vergangene Woche durften wir Marko Martin zu zwei Veranstaltungen in Bayern begrüßen: Im PresseClub München und in der VHS Kulmbach stellte er sein neues Buch „Freiheitsaufgaben“ vor und diskutierte darüber mit Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und Thomas Hacker. In München führte Karin Schnebel vom Gesellschaftswissenschaftlichen Institut durch die Veranstaltung, in Kulmbach Matthias Will von der Frankenpost.
Das Menschenbild des Grundgesetzes
Die Debatten drehten sich um Freiheit, ihre Gefährdungen und ihre Grenzen. Ganz im Sinne Thomas Dehlers mahnte Marko Martin die Notwendigkeit offener Diskurse an. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger stimmte zu: Cancel Culture als Versuch, unliebsame Meinungen zu unterdrücken, sei aus liberaler Sicht rundweg abzulehnen. Auch das, was hier teilweise an deutschen Universitäten passiert sei, sei sehr problematisch. In einer Demokratie sei es essentiell, dem anderen zuzuhören und dann gegebenenfalls – zivilisiert – darüber zu streiten.
Marko Martin bezeichnete es als „erzliberale Tugend“, dabei auch gegen sich selbst zu denken, und zitierte Manès Sperber: „Wir sind alle partiell im Unrecht“. Das bedeute aber nicht: Die einen sagen so, die anderen sagen so, die Wahrheit muss irgendwo in der Mitte liegen. Es gehe darum, nach den eigenen blinden Flecken zu suchen und das eigene Referenzsystem immer wieder zu hinterfragen. So sei ein Diskurs möglich. Der Autor betonte aber auch, dass der Rahmen des Diskurses das Grundgesetz und das Menschenbild des Grundgesetzes sein müsse. „Wer dieses Menschenbild ablehnt, ist nicht Teil des Diskurses.“ Und hier, so Martin, könne man es „ruhig wagen, eine Feinderklärung abzugeben“. Auch dies ein Punkt, dem der NS-Gegner Dehler voll und ganz zugestimmt hätte. Zentral sei das Menschenbild und hier sei „von der antikommunistischen Linken bis zur antinazistischen Rechten“ sehr viel Platz für Debatten.
Den öffentlichen Raum erobern
Weitere Themen der Diskussion waren Antisemitismus, Islamismus und Migration. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, erste Antisemitismusbeauftragte des Landes Nordrhein-Westfalen, stellte klar, dass man gewisse Aussagen nun einmal nicht verbieten könne, Antisemitismus sei noch kein Straftatbestand an sich: „Wenn ich sage, wir haben eine liberale Demokratie, dann heißt das, dass wir auch einiges aushalten können müssen.“ Man müsse dagegenhalten und den öffentlichen Raum erobern. Marko Martin berichtete von Lesungen seines Buches „Und es geschieht jetzt. Jüdisches Leben nach dem 7. Oktober“: von verstärktem Polizeischutz, vom bewussten Verzicht auf Plakate etc. Man müsse sich, so Martin, schon die Frage stellen, weshalb bestimmte Dinge so sind, wie sie sind. Weshalb beispielsweise Synagogen und Weihnachtsmärkte in Deutschland viel besser geschützt werden müssten als anderswo. „Und wenn wir diese Fragen nicht stellen, dann stellen sie andere und beantworten sie auf eine völkische und rassistische Weise.“
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Dr. Constantin Groth eröffnet die Veranstaltung im Münchner Presseclub (c) Thomas-Dehler-Stiftung -
Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (c) Thomas-Dehler-Stiftung -
PD Dr. Karin Schnebel (c) Thomas-Dehler-Stiftung -
PD Dr. Karin Schnebel und Marko Martin (c) Thomas-Dehler-Stiftung -
Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Marko Martin und PD Dr. Karin Schnebel (c) Thomas-Dehler-Stiftung -
Maik Schnierer, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Marko Martin, PD Dr. Karin Schnebel und Dr. Constantin Groth (c) Thomas-Dehler-Stiftung
Der Erfahrungshorizont der Täter
In der Lesung setzte sich Marko Martin mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, mit dem Kampf der Ukrainer für ihre Freiheit und mit deutschem Pazifismus auseinander, beginnend mit der Erinnerung an einen Abend in der Evangelischen Akademie in Tutzing im Frühjahr 2025 und die Ausführungen eines „berühmten Kolumnisten“. Dessen Namen nannte Martin zwar nicht, dem Münchner Publikum jedenfalls war schnell klar, um wen es sich handelte… Ganz nach dem Motto „Wir wissen, was Krieg ist!“ habe der Kolumnist von der eigenen Familiengeschichte erzählt, von der Großmutter und von der Kiste auf ihrem Dachboden, mit Briefen ihrer Söhne aus dem Krieg. Nicht zufällig habe sie also den Frieden immer als höchstes aller Güter gepriesen. Hier wurde Marko Martin deutlich: „Wer hatte da nach Hause geschrieben? Söhne, die, ob nun begeistert oder widerwillig, in andere Länder einmarschiert waren und dort die bewaffnete Gegenwehr der Überfallenen erfahren hatten. Daraus die Schlussfolgerung eines „Nie wieder Krieg“ und „Gewalt ist keine Lösung“ zu ziehen und als Handlungsmaxime zu universalisieren, wäre deshalb nicht nur keck, sondern bei einigem Nachdenken auch verblüffend unverschämt, geradezu ein Ausbund an Geschichtsrevisionismus.“
Gerade mit Blick auf die Friedensforderungen der AfD, aber auch aus Kreisen der politischen Linken und der Friedensbewegung stellte der Schriftsteller klar: Der Erfahrungshorizont, der zu Schlussfolgerungen wie „Nie wieder Krieg / Gewalt ist keine Lösung“ führt, sei derjenige der Täter. Mit Blick auf die von der Wehrmacht überfallenen Länder gelte dagegen: „Unvorstellbar jedenfalls, dass dort die Erfahrung der Besatzung, der Gegenwehr und schließlich des besiegten Nazi-Deutschland so weinerlich dreist subsumiert würde unter „sinnloser Krieg“. Sinnlos die Befreiung der KZs, sinnlos der gewaltsame Kampf gegen den Nationalsozialismus?“ Inzwischen allzu bekannte Namen aus den aktuellen Debatten: Mariupol, Butscha. „Der Slogan „Gewalt ist keine Lösung“ tut hier nur eines: Er belässt es bei der folgenlosen moralischen Schelte des Angreifers und delegitimiert gleichzeitig das Verteidigungsstreben des Opfers. Das ist – mehr als nur infam. Und in der Endkonsequenz und im Falle unterlassener oder nicht ausreichender militärischer Hilfeleistung dann sehr wohl Parteinahme für den Täter, in dessen propagandistisch behauptete Seelenwehwehchen man glaubt, sich einfühlen zu müssen.“ Gerade deswegen würden wir Russland auch die Lüge von den Sicherheitsinteressen und der Einkreisung durch die NATO abnehmen.
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Matthias Will, Thomas Hacker und Marko Martin (c) Thomas-Dehler-Stiftung -
Thomas Nagel, Marko Martin, Thomas Hacker und Matthias Will (c) Thomas-Dehler-Stiftung
Marko Martin, der in seinem Buch Freiheit als zivile Verantwortung und Aufgabe unserer Gesellschaft beschreibt, bilanzierte abschließend: Putinismus, auch Trumpismus seien Freiheitsgefährdungen von außen, im Inneren seien es vor allem rechtsradikale und islamistische Tendenzen. Diese gelte es zu beschreiben und klarzumachen, wie die Frontstellungen sind. Im Kampf gegen die Feinde unserer Freiheit und Demokratie sei das Wichtigste – und hier zitierte der Autor einmal mehr Manès Sperber – die „kategorische Zurückweisung der Mutlosigkeit“!